Die Orgel

Das Neue der Michaelis-Orgel
Die großen Dome und Basiliken der mitteldeutschen Kulturlandschaft von Hildesheim - Braunschweig - Magdeburg - Halberstadt - Halle - Dresden hatten seit dem Mittelalter ihre eigene Musikkultur und damit ihren ganz speziellen Orgeltyp, der sich ganz wesentlich von der norddeutschen Orgel unterscheidet. Die prächtigen Orgeln im Norden hatten mehr die Aufgabe, die großen Räume als "Großinstrumente" zu beschallen. Ihre Principale und Flöten sind starkwandig, aus Blei und von enormer Tragweite, ihre Mixturen vielchörig und von entsprechender Schärfe, die Zungenstimmen zahlreich und prachtvoll.
Ganz anders die mitteldeutschen Orgeln. Sie hatten mit Chor und Orchester die langen lutherischen Gottesdienste musikalisch konzertant mit auszugestalten. Neben der reinen Orgelmusik galt es die Kantaten zu begleiten und für die kunstvoll vorgetragenen Choralvorspiele die nötigen Klangfarben bereitzustellen. Ihre klanglichen Stärken liegen deshalb neben den farbenreichen Plena mehr im Feinen, Delikaten, im Piano und Mezzofortebereich.
Johann Sebastian Bach folgte in seinen Dispositionsentwürfen dieser mitteldeutschen Linie, legte aber auch besonderen Wert auf klangliche Größe und Gravität, wie er sie an norddeutschen Instrumenten bewunderte. So forderte er auch für kleinere Instrumente immer eine Posaune 32' im Pedal. Sein Leben lang wünschte er sich eine "recht große und recht schöne Orgel zu seinem ständigen Gebrauch". Hier setzten die musikalischen Überlegungen für die neue Michaelis-Orgel an: Die feinen, delikaten, vielfarbigen Klänge der mitteldeutschen Orgel stehen bereit, jedoch kommen die von Bach geschätzten großen, gravitätische Stimmen hinzu und solche, die das Instrument auch für die orchestral gedachte symphonische Musik der deutschen und französischen Romantik geeignet machen. Bei der Registerzahl der neuen Michaelis-Orgel ergeben sich daraus ausgesprochen gute Möglichkeiten für das Orgelliteraturspiel und das Improvisieren.
Diesem klanglichen Anspruch wird das Instrument gerecht durch strenge instrumentenbauliche Disziplin (etwa durch Verwendung von handgehobelten Pfeifen, die spezielle Bauweise der Zungenregister, die in der Kirche ausgearbeitet werden, die klassische Pfeifenaufstellung oder die sensible mechanische Spieltraktur), andererseits aber auch durch Inanspruchnahme aller notwendigen künstlerischen Freiräume.
Die äußere Form dieser Orgel ist frei, plastisch gestaltet. Das Instrument steht nicht in der Mittelachse, es ist zur Seite getreten, ohne sich zu verstecken, und möchte von dort aus auf seine Weise in Zwiesprache kommen mit den Engelgestalten gegenüber an der Chorschranke, mit dem so klaren, aber doch unüberblickbaren Kirchenraum und den Hörenden in Gottesdienst, geistlicher Musik und Konzert.
Gerald Woehl, Orgelbauer
Die Disposition der Orgel
Hauptwerk Principal 16 Bordun 16 Principal 8 Rohrflöte 8 Flûte harmonique 8 Gambe 8 Oktave 4 Spitzflöte 4 Quinte 2 2/3 Oktave 2 Sesquialter 2f. Cornet 5f. Großmixtur 5f. Mixtur 7f. Fagott 16 Trompete 8 Clarine 4 Tuba 8 |
Oberwerk Gambe 16 Principal 8 Salicional 8 Hohlflöte 8 Unda maris 8 Gedackt 8 Prestant 4 Flaute douce 4 Nasard 2 2/3 Oktave 2 Flöte 2 Terz 1 3/5 Flageolet 1 Mixtur 5f Trompete 8 Krummhorn 8 Tremulant schwach Cornett 5f Carillon 3f |
Schwellwerk Quintade 16 Diapason 8 Cor de Nuit 8 Flûte traversière 8 Viole de Gambe 8 Voix céleste 8 Flûte octaviante 4 Dulciana 4 Quinte 2 2/3 Octavin 2 Bombarde 16 Trompette harmonique 8 Clairon harmonique 4 Basson Hautbois 8 Voix humaine 8 Klarinette 8 Grand Cornet 7f. Tremulant stark |
Großbordun 32 Principal 16 Subbass 16 Violon 16 Bordun 16 Oktavbaß 8 Cello 8 Bordun 8 Octave 4 Mixtur Posaune 32 Posaune 16 Trompete 8 Tuba 8 Clarine 4 Glocken |
I Baß-Oktavkoppel III-I III-I Baß-Oktavkoppel |
I Baß-Oktavkoppel III-I III-I Baß-Oktavkoppel |
II-P III-P |