Die Kantorei an St. Michaelis

Ein "cooler" Kantor ...
... und eine Gemeinschaft, die trägt.
HILDESHEIM. Nein, mit der Intonation ist er nicht so ganz einverstanden. Hans-Joachim Rolf probt mit der Kantorei St. Michael Benjamin Brittens "A Ceremony of Carols". "Die Stelle ,on the grass` mit ganz hellem A", dann werde es höher.
Im Jahr 2000 hat Rolf die Leitung der Kantorei von Gunnar Kühl übernommen. Im Hauptberuf ist er seit 1991 Landeskirchenmusikdirektor, also oberster Kirchenmusiker in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Was hat ihn daran gereizt, die Nachfolge Kühls anzutreten?
"Das hat drei Gründe", sagt er. Zum einen wollte er eine Kantorei leiten, das klassische Kantoreiprogramm erarbeiten. Dann die St.-Michaelis-Kirche: "Es ist traumhaft, da zu musizieren." Schließlich "die unglaublich günstigen aufführungspraktischen Gegebenheiten für den Gottesdienst, der mir sehr wichtig ist", der Chor kann nahe an der Orgel singen, die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit Kirchenmusikdirektor Helmut Langenbruch, der an St. Michael als Organist tätig ist.
Versteht er seine Kantorei als Konzert- oder Kirchenchor? "Das mag ich nicht trennen", antwortet Rolf und fügt gleich hinzu: "Für mich sind Gottesdienste unverzichtbar." Obwohl gerade bei den Gottesdiensten nicht sämtliche der zu Spitzenzeiten etwa 80 Sänger mitwirken können, weil sie sonn- und feiertags als Pastoren, Kirchenmusiker oder Kirchenvorstand in ihren eigenen Gemeinden amtieren. Gibt es Voraussetzungen, um mitzusingen? Nein, einer Aufnahmeprüfung brauche sich niemand zu unterziehen. Rolf setzt darauf, dass die Sänger ihr Können selber einschätzen, dass sie "feststellen, ob es ihr Niveau ist". Aber wenn sich noch ein paar Tenöre vorstellten, derzeit seien gerade mal neun dabei _ Proben sind mittwochs, 20 Uhr, im Telemann-Saal, Hagentorwall 16.
2004 steht Bachs "Johannespassion" auf dem Programm", 2005 führen die Kantorei St. Michael und der Domchor gemeinsam Bachs "Matthäuspassion" in der Fassung Mendelssohn Bartholdys auf, eine Fortsetzung der Zusammenarbeit, die mit Rheinbergers "Der Stern von Bethlehem" begonnen hat. Konkreter plant er noch nicht, denn "es droht eine große Renovierung der St.-Michaelis-Kirche".
In der Probe sind Rolf und die Seinen inzwischen zu "Wolcum Yole!" aus Brittens "A Ceremony of Carols" übergegangen. "Einmal die Fugato-Stelle." Der Tenor fängt an. "Mal der Alt allein." Sopran, die Bässe. Auch in der Kritik bleibt Rolf gelassen und freundlich: "Ihr Bässe habt nur zwei Töne. Die Frage ist nur: Wo ist welcher?" Die also Gescholtenen müssen selber lachen.
Gisela Grebbin singt schon seit dem Frühjahr 1969 in der Kantorei St. Michael, Hans-Joachim Rolf ist dort ihr vierter Chorleiter nach Christian Grube, Walter Romberger und Gunnar Kühl. Einer ihrer wichtigsten Eindrücke war gewiss im Expo-Jahr 2000 die Uraufführung der "Schöpfung" von Krzysztof Meyer. Carola Reitzig, seit 30 Jahren dabei, schätzt besonders die große Spanne des Repertoires der Kantorei, von Palestrina zu Bach, von Mendelssohn bis zur Moderne.
Erst seit einem Jahr gehören Sabine Meyer (17) und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Matthias dazu. Durch einen Aushang wurden sie darauf aufmerksam, dass der Chor Bachs "Weihnachtsoratorium" erarbeitet. "Ein tolles Stück", schwärmt Sabine Meyer. Und, ist sie von dem Britten, den sie gerade erarbeiten, auch so begeistert? "Ein bisschen schwierig, englisch zu singen", gibt die Schülerin zu. Auf ihren Kantor lassen die beiden aber gar nichts kommen. Sabines Urteil besteht nur aus einem Wort: "Super!" Und ihr Bruder findet ihn sogar "richtig cool".
Heidi Mensching bringt 31 Jahre St.-Michaelis-Erfahrung mit: "Eine Gemeinschaft, die trägt". Sie verweist auf die "Nähe zum Glauben", die durch die geistliche Musik vermittelt werde, und warnt davor, bei der Kirchenmusik zu kürzen. Folge wäre: "Die Kirche schneidet sich die Wurzeln ab. Wenn die nicht mehr greifen, fallen die Blüten."
Hans-Joachim Rolf probt inzwischen für den nächsten Gottesdienst. Schließlich ist der 1869 von dem Gymnasiallehrer und Kantor Friedrich Wilhelm Drömann ins Leben gerufene "Kirchenchor St. Michael" einer der Gründer des Niedersächsischen Kirchenchorverbandes, dem er seitdem als Nummer eins angehört. "Singen wir doch mal wieder ,O Vater aller Frommen` von Hammerschmidt", bittet Rolf. "Ich stütze erst mal am Klavier". Ja, er findet es ganz ordentlich. Und was sagt er, wenn er's so ordentlich eigentlich doch nicht findet? "Ein paar Kleinigkeiten". abo
(c) Archiv Hildesheimer Allgemeine Zeitung
Weitere Informationen zur Kantorei St. Michael erhalten Sie bei:
LKMD Hans-Joachim Rolf , Tel.: 05121 - 6971 - 520
Die Kantorei probt jeden Mittwoch außer in den Ferien um 20 Uhr, Hagentorwall 16