Die Kirche

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Grundstein von 1010

Entstehung


Am 15. Januar 993 wurde Bernward der 13. Bischof Hildesheims. Anlässlich seiner Bischofsweihe erhielt er von Kaiser Otto III., dessen Erzieher er über lange Zeit gewesen war, einen Splitter des Heiligen Kreuzes geschenkt. Zur Verehrung dieser Kreuzreliquie weihte er am 10.September 996 auf dem bis dahin wüsten Hügel eine Kapelle mit dem Ziel einer Klostergründung. Zügig dürfte man danach mit dem Bau der Klostergebäude begonnen haben. Die ersten Mönche kamen aus dem Kloster St. Pantaleon in Köln. Bernward selber entwarf die Konzeption der Kirche. Ein Grundstein trägt die Jahreszahl 1010. Am Michaelistag (29. September) 1015 konnte bereits die Unterkirche (Krypta) geweiht werden, die Bernward als seine Grabstätte vorgesehen hatte. Am Michaelistag 1022 nahm er - seinen nahen Tod vor Augen - die Weihe der (allerdings noch nicht ganz fertiggestellten) Kirche vor „zu Ehren unseres Herrn und Erlösers Jesu Christi und seiner heiligsten Gebärerin, der ewigen Jungfrau Maria und des heilbringenden Holzes des verehrungswürdigen und lebendigmachenden Kreuzes, unter dem besonderen Schutz des heiligen Erzengels Michael und der ganzen himmlischen Heerschar“. Die endgültige Weihe der Kirche erfolgte dann am Michaelistag 1033 durch Bernwards Nachfolger Godehard.

engelchorschranke

Engelchorschranke

Kirche des Heiligen Kreuzes


Zentrum im Osten und theologischer Mittelpunkt der Kirche war der - nicht mehr erhaltene - Kreuzaltar. Er befand sich im Osten des Mittelschiffes, unmittelbar vor der Ostvierung. Auf dem Altar stand das berühmte Bernwardkreuz (heute im Dom-Museum) mit der Kreuzreliquie. Hinter dem Altar befand sich die Christussäule (heute ebenfalls im Dom), die Bernward nach römischem Vorbild als Triumphsäule für das „heilbringende“, „verehrungswürdige“ und „lebendigmachende“ Heilige Kreuz hatte gießen lassen.

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Die Krypta mit dem Sarkophag Bernwards

Grabkirche


Dem Zentrum im Osten entsprach ein Zentrum im Westen. Von Anfang an hatte Bernward beabsichtigt, sich in der Michaeliskirche bestatten zu lassen. Als Ort seiner Grabstätte sah er die ursprünglich zum Mittelschiff hin offene Unterkirche (Krypta) vor. Für solche Grabanlagen im Westen gab es durchaus Vorbilder: So war auf der Reichenau (Marienmünster Mittelzell) im 9. Jahrhundert das Grab des Heiligen Markus in den Westen verlegt worden, und spätestens in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurde für dieses Grab eine Westchoranlage mit Querhaus angelegt. Daneben haben sicherlich unter anderem St. Pantaleon in Köln und die Pfalzkirche in Memleben Bernward beeinflusst.

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Die Christussäule - Leihgabe aus dem Mariendom

Klosterkirche


Die Michaeliskirche wurde als Klosterkirche gebaut. Bernward selber trat vor seinem Tod dem Konvent des Kloster bei und ist im Michaeliskloster gestorben. Er ließ den Mönchschor nicht im Osten, sondern über seinem Grab im Westen errichten. Er erhoffte sich das fürbittende Gebet der klösterlichen Gemeinschaft. Die Altäre blieben trotzdem nach Osten ausgerichtet, auch der Hauptaltar des Mönchschores, ein Christus-Salvator-Altar (direkt vor der Vierung). An der äußersten westlichen Stelle (der Westen galt als der Ort der Dämonen) wurde - nur vom Chorumgang her zu betreten - der Michaelsaltar eingerichtet. Michael galt als starker Verteidiger gegen die Mächte der Finsternis. Den Menschen damals war noch gegenwärtig, dass die Schlacht gegen die heidnischen Ungarn auf dem Lechfeld (955) mit dem Bild Michaels auf den Feldzeichen gewonnen worden war.

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Ansicht von Süden nach der Zerstörung im März 1945

Der Bau in seiner Geschichte


Im Jahre 1150 erlaubte eine Erfurter Provinzialsynode die Verehrung Bernwards innerhalb des Bistums. 1192 sprach Papst Coelestin III. Bernward heilig. Die Michaeliskirche wurde damit auch ein Ort, der von vielen besucht wurde, um am Grab des neuen Heiligen zu beten. Abt Theoderich II. versuchte (zumal Brände ohnedies umfassende Renovierungen notwendig machten) durch mehrere bauliche Maßnahmen, dieser neuen Bestimmung Rechnung zu tragen.
Die Unterkirche und der Mönchschor wurden um die gesamte Westvierung erweitert. Dabei entstanden zwei Engelchorschranken, von denen die nördliche noch erhalten ist, um den Mönchschor von den Querschiffen zu trennen. Im Mittelschiff wurden zehn der zwölf bernwardinischen Säulen ausgetauscht. Die aufwändig und kunstvoll gestalteten Kapitelle dieser neuen Säulen prägen heute noch das Bild der Kirche. Schließlich können auch die Gestalten der acht Frauen im südlichen Seitenschiff und die berühmte Decke im Zusammenhang mit dieser Neugestaltung der Kirche nach der Heiligsprechung Bernwards gesehen werden.
Im Jahre 1542 wurde in Hildesheim die Reformation eingeführt und die Michaeliskirche evangelische Pfarrkirche unter dem Patronat des Rates. Die turbulenten Übergangszeiten gingen leider nicht vorbei, ohne dass bilderstürmischerische Ideen zur Zerstörung von Kunstwerken führten. Das Michaeliskloster blieb als Benediktinerkloster bestehen. Allerdings wurde den Mönchen für Stundengebet und Gottesdienst nur noch die Unterkirche (und in der Kirche das Nordwestquerhaus) zugestanden. Trotz dieser neuen Situation war das Kloster weiterhin für die Bauerhaltung der ganzen Kirche zuständig, was ihren zunehmenden Verfall zur Folge hatte. Als 1650 nach dem Abbruch der Ostapsis der gesamte östliche Vierungsturm einstürzte, brach man den westlichen Vierungsturm ebenfalls ab. Nach der Wiedererrichtung des östlichen Turmes wurde der 1679 aufgesetzte barocke Helm bis zum II. Weltkrieg zum Wahrzeichen der Kirche.
Die Säkularisation brachte 1803 die Auflösung des Klosters. 1809 wurde auch die Kirche geschlossen und zum Heu- und Strohlager umfunktioniert. Lediglich die Unterkirche blieb Sakralraum und fiel der katholischen Magdalenengemeinde zu. In diesem Zusammenhang kam auf Umwegen auch die „Christussäule“ in den Dom. Nach dem Einzug der „Heil- und Pflegeanstalt“ (Einrichtung für geistig Behinderte) in die Klostergebäude (1827) riss man die Mauer des nördlichen Seitenschiffes ab und errichtete in der Kirche eine Kegelbahn. Nach der Rückgabe an die evangelische Kirchengemeinde wurde die Kirche durch C. W. Hase 1855-1857 umfassend renoviert. Danach wurde sie wieder als Gemeindekirche in Gebrauch genommen. 
Die „Heil- und Pflegeanstalt“ wurde 1943 (nachdem mindestens 403 Insassen im Rahmen der Euthanasieprogramme der Nazional-sozialisten „verlegt“ und anschließend ermordet worden waren) geschlossen. Danach zog die SS mit ihrer Ausbildungsstätte „Haus Germania“ in die Klostergebäude ein. Der Versuch, die Kirche in eine nationalsozialistische Weihestätte umzuwandeln, konnte durch Pastor Degener verhindert werden. 
Am 22. März 1945 wurde die gesamte Anlage bei der Bombardierung Hildesheims völlig zerstört. Bereits am 4. Oktober 1945 rief der Michaelispastor Kurt Degener zum Wiederaufbau auf. Seinem Engagement war es zu verdanken, dass bereits 1950 das Langhaus wieder zu gottesdienstlichem Gebrauch geweiht werden konnte; die Weihe der ganzen Kirche fand schließlich 1960 statt. Der rasche Wiederaufbau wurde besonders durch die Unterstützung von Bernard R. Armour ermöglicht, einem „Sohn des verfolgten Volkes“, wie es im von ihm gewünschten Text der Gedenktafel im südwestlichen Querhaus heißt.

Seither ist die Michaeliskirche wieder Gemeindekirche. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde versucht, die große Tradition des bernwardinischen Baues mit einem Glaubensleben zu füllen und zu verbinden, das dem Empfinden unserer Zeit entspricht.

aussenansicht

Ansicht von Südosten

Äußeres


Am besten nähert man sich der Michaeliskirche von der Burgstraße her. Diese verbindet die Domburg mit dem Michaelishügel. Sie wird dabei von der alten Handelsstraße mit der ersten Siedlung Hildesheims gekreuzt („Alter Markt“). 
Kommt man von der Burgstraße, so bietet die Kirche ihre ganze Längsseite offen dem Betrachter dar. Bernward hat sie (was keineswegs selbstverständlich war) nicht innerhalb des Klosters angelegt, sondern vor das Kloster gestellt. Ihm war der Öffentlichkeitscharakter dieser Kirche von Anfang an wichtig. 
Auf den ersten Blick fallen die klaren, geometrischen Formen auf. Symmetrie prägt das äußere Erscheinungsbild. Lediglich die Choranlagen unterscheiden sich. Während im Osten zwischen Vierung und Apsis nur ein verhältnismäßig schmaler Vorchor liegt (allerdings ist hier der historische Zustand nicht mit Sicherheit rekonstruierbar), ist es im Westen ein ganzes Joch. Diese Ausweitung schafft den notwendigen Raum für den Mönchschor und die Unterkirche. Dem Westchor ist außerdem noch der Umgang der Unterkirche vorgelagert, was ihm ein feierliches Aussehen verleiht und ihn optisch noch stärker gegenüber dem Ostchor betont (die heutigen Schmuckformen des Westchors, zum Beispiel die mit Säulen eingefassten Fenster, gehen auf die Zeit um 1200 zurück). Die Unterkirche ist durch ein Portal ganz im Westen zu betreten, so dass der alte Gedanke des Westeingangs (Westwerk) trotz der Doppelchörigkeit beibehalten wurde. 
Der Sinn der Doppelchörigkeit ist umstritten. Möglicherweise steht dahinter der Gedanke einer Doppelkirche, was den beiden unterschiedlichen Zentren (Mönchschor und Grab im Westen, Kreuzaltar im Osten) entsprechen würde. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass an der südlichen äußeren Seitenschiffwand die Mitte der Kirche durch eine rote Sandsteinlisene deutlich bezeichnet ist. 
Das äußere Bild wird außerdem durch die Türme bestimmt. Den gedrungenen, wuchtigen beiden Vier-ungstürmen entsprechen je zwei Rundtürme (im unteren Bereich oktogonal), die den Querschiffen vorgelagert wurden. Dieses Ensemble der Türme vermittelt einen burgartigen Eindruck, so dass man die Michaeliskirche gern als „Gottesburg“ bezeichnet.

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Südöstliches Querhaus mit Engelemporen

Inneres


Der geometrisch bestimmte Gesamteindruck findet sich auch im Inneren wieder. Wie bei den meisten mittelalterlichen Kirchen verbindet sich die mathematisch wirkende Raumplanung mit einer theologischen Symbolik. In der Michaeliskirche ist beides von Bernward durchdacht angewandt worden. Die Michaeliskirche folgt genau der Harmonielehre des Boethius (+525), worauf ihre fast antike Raumwirkung beruht.
Neben vielen komplizierten Berechnungen und Symboliken ist besonders die Zahl „neun“ von großer Bedeutung. Sie steht in Beziehung dazu, dass seit Dionysius Areopagita (Ende 5./Anfang 6. Jhdt.) die Engel in neun Hierarchien aufgeteilt wurden (drei Ordnungen mit jeweils drei Arten: Seraphim, Cherubim, Throne/ Herrschaften, Mächte, Kräfte/ Fürstentümer, Erzengel, Engel). So finden sich in der Kirche neun Engelkapellen (der Michaelsaltar im Chorumgang des Westchores und die acht Kapellen der Engelemporen). Die Engelemporen auf den Nord- und Südseiten der Querhäuser werden von neun Säulen getragen, deren Aufteilung (1:3:5) den Querhäusern ihr bewegtes Aussehen verleihen. Das Mittelschiff wird durch jeweils neun Arkaden von den Seitenschiffen getrennt. Möglicherweise symbolisiert dabei der Wechsel von je einem Pfeiler und zwei Säulen („niedersächsischer Stützenwechsel“) sogar direkt die drei Engelordnungen mit ihren je drei Arten. 
Die Zahl „neun“ ist aber auch für das Grundmaß der Kirche wichtig. Es entsteht aus neun Quadraten (drei Quadrate im Mittelschiff + zwei Vierungsquadrate + die vier Querhausquadrate). Das Quadrat ist ein weiteres, wichtiges Element für die Struktur der Kirche. Es symbolisiert die Zahl „vier“ als Zahl des Kreuzes (Kreuzreliquie), der Totalität und der Vollkommenheit. Bernward schafft dadurch eine Kirche von beeindruckender Harmonie. Diese Harmonie ist nicht nur optisch erlebbar, sondern zeigt sich in der ausgezeichneten Akustik für jede Art von Musik. Die Michaeliskirche versteht sich als steingewordenes Abbild göttlicher Ordnung und Vollkommenheit. 
Sie stellt damit Gottes ordnendes Handeln dar, wie es sich in Weltschöpfung („Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“, Wsh 11,21) und Welterhaltung zeigt. Sie ist ein Ort des Vertrauens: Dieses Handeln Gottes ist verlässlich. Die Kräfte der Zerstörung, die in der Welt am Werk sind und ihre Existenz immer wieder bedrohen, erweisen sich nicht als so stark, dass sie Harmonie und Leben auslöschen könnten. 
Sie ist aber auch ein Ort der Hoffnung: Die göttliche Harmonie, die jetzt nur gebrochen und abbildhaft erlebbar wird, wird einmal das Bild einer vollendeten Welt („Reich Gottes“) prägen.

 

St. Michael als Ort des Gebets


In der Michaeliskirche ist das persönliche Glaubenszeugnis des großen Hildesheimer  Bischofs Bernward Stein geworden. Dieser persönliche Glaube in Verbindung mit der künstlerischen Qualität machen die bis heute ungebrochene Wirkung der Kirche aus. 
Der persönliche Glaube Bernwards ist eine Interpretation des christlichen Glaubens. Spätere Äbte des Klosters haben mit ihren Kunstzeugnissen eigene Interpretationen hinzugefügt. Sie alle verbindet: St. Michael ist ein Ort der Hoffnung und vor allem des Gebetes. 
Dazu lädt St. Michael auch heute noch ein: In der Auseinandersetzung mit Bernward und mit den anderen Künstlern dieser Kirche über Gott und die Welt nachzudenken, dem Sinn des Leben nachzuspüren und vielleicht ein Stück eigenen Glaubens zu gewinnen.  
Gerade in einem Augenblick der Stille, mehr noch in einem Augenblick des Gebetes (eine Gebetskapelle im südöstlichen Querschiff lädt dazu besonders ein) entfaltet die Michaeliskirche ihre besondere Kraft.