Die Bilderdecke

Das Deckenbild der Michaeliskirche ist nach neueren Forschungen zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden, auf Eichenbretter gemalt, 27,6 X 8,7 m. Es handelt sich um eine Darstellung des „Jesse-Baumes“ (Jesse = Isai ist der Vater Davids, aus dessen Stamm der Messias geboren werden soll) in Verbindung mit den biblischen Stammbäumen Jesu (Mt 1, 1-17 und Lk 3,23-38). Schon in der Alten Kirche war dieser genealogische Aspekt mit der Vorstellung vom Lebensbaum aus dem Paradies (Gen 3) verbunden worden.
Der Lebensbaum bringt als seine schönste Frucht Christus hervor, der den Menschen das ewige Leben zurückerwirbt. Christus macht durch seinen Gehorsam am Kreuz den Ungehorsam Adams und Evas wieder gut. Alle diese Vorstellungen finden sich im Deckenbild wieder.
Es enthält zunächst eine Reihe mit acht Hauptfeldern. Im ersten Hauptfeld sind Paradies und Sündenfall dargestellt: Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis. Neben dem Baum der Erkenntnis stehen zwei Lebensbäume: Der eine enthält als Frucht Christus, der andere fünf Köpfe, die für die Seligen des durch Christus neu gewonnenen Paradieses stehen. Theologisch wird damit ausgesagt, dass Gott gleichzeitig mit dem Hauptdatum menschlicher Schuld schon seine Gnade und seinen Willen zur Versöhnung sehen lässt. Das zweite Hauptbild zeigt Jesse auf einem prunkvollen Lager, aus dem ein Baum hervorwächst („Jessebaum“). Die Hauptfelder drei bis sechs verstehen sich als Früchte dieses Baumes; dargestellt sind in mittelalterlicher kaiserlicher Tracht die jüdäischen Könige David, Salomo, Hiskia und Josia. Damit wird auf die göttliche Dignität des Kaisertums verwiesen. Im siebten Feld folgt Maria als die „neue Eva“. Sie wird als vollkommen tugendhaft (in den Medallions von den vier Kardinaltugenden umgeben) und jungfräulich gezeigt (als Spinnende mit Wollknäuel und Spindel; nach der Legende gehörte Maria zu den Jungfrauen, die am Vorhang für den Tempel webten). Das letzte Hauptfeld ist nicht im Original erhalten. Mit dem Einsturz des Vierungsturmes 1650 wurde dieses Bild (und die umliegenden Bilder) zerstört. Das jetzige Bild ist nach einer Vorlage des 19. Jahrhunderts 1960 entstanden. Es zeigt Christus als Weltenrichter. Thematisch dürfte dies dem Originalzustand entsprechen, allerdings ist das Feld sicherlich stärker als Baumkrone gestaltet und Christus von sieben Tauben als Zeichen des siebenfachen Geistes umgeben (Jes 11,2) gewesen. Diese Darstellung von Christus als Weltenrichter war genau über dem Kreuzaltar plaziert. Das „heilbringende Holz des Kreuzes“ und Christus als Weltenrichter stehen für dieselbe Sache: für die Erlösung der Gläubigen und die Wiedergewinnung des Paradieses. In den zwei Bildreihen rechts und links der Hauptfelder finden sich vor allem Propheten. Sie sind bewußt den Hauptfeldern zugeordnet, neben denen sie stehen. Leider können nicht alle sicher identifiziert werden. Neben dem Paradiesbild finden sich die Gestalten der Paradiesströme, neben dem thronenden Christus die vier Erzengel Raphael, Gabriel, Uriel und Michael. In den äußersten beiden Reihen sind innerhalb eines aufwendigen Rankenwerks Ahnen Christi nach dem Stammbaum des Lukas dargestellt (42 Medallions). In den Eckfeldern sind die Symbole der Evangelisten zu sehen.